Von Jan Hus und von Comenius lernen für die heutige Ökumene. Ein Beitrag zu einer notwendigen Debatte (Manfred Richter / Berlin)

Von Jan Hus und von Comenius lernen für die heutige Ökumene.
Ein Beitrag zu einer notwendigen Debatte

I. In enger Verbundenheit mit gleichgerichteten Initiativen weltweit, weiß sich die DCG mit ihrer Verpflichtung zur Erforschung und Aktualisierung des Erbes von Brüderbischof Johann Amos Comenius in seinen vielfältigen Dimensionen zugleich auch demjenigen von Jan Hus verpflichtet. Auf dessen reformatorische Verkündigung verweist aktuell das Gedenken an seine und seines Mitstreiters Hieronymus von Prag Hinrichtung beim Konzil in Konstanz vor 600 Jahren.

II. Dieses Gedenken zeichnet ihn ein in vielfältige Erneuerungsbewegungen der vorangegangenen Jahrhunderte, die sich in mönchischen, priesterlichen und Laienkreisen an den Ursprüngen der Christenheit und der Einfachheit, ja Armut des Lebens Jesu und der Apostel orientierten. Sie versuchten zur Erneuerung der Kirche beizutragen, was ihnen nur teilweise innerhalb ihrer Strukturen gelang. Teils wurden sie aus denselben verbannt oder vom Klerus mit Misstrauen begleitet. In der neu erwachten Laienfrömmigkeit wuchs das Interesse an der biblischen Botschaft in der Volkssprache. Dies prägte auch die böhmische Kirche im 14. Jh. Jan Hus als vorbildlicher Priester griff es auf und vertiefte es.

III. Nach dem soeben noch auf den Gipfel getriebenen Weltherrschaftsanspruch des Papsttums unter Bonifaz VIII. wurde seit Beginn dieses 14. Jahrhunderts dessen Krise durch das Jahrhundert-Schisma offenbar. Dies führte zu sowohl theologischen wie kirchenrechtlichen Neuansätzen, die Autorität der Kirche zu begründen und zu begrenzen. Sie drängten im Konzil von Konstanz jedoch zu Entscheidungen, in denen die Person und die Reformanliegen von Jan Hus, die man primär in der Perspektive Wyclifs sah, verurteilt wurden. Die unvollendete causa reformationis wurde aber als Auftrag an die Zukunft weitergegeben.

IV. Die seit dem II. Vaticanum und seiner Anerkennung der Gewissensfreiheit zunehmend geforderte Neubewertung der causa Hus führte nach Forschungen von Pater Paul de Vooght bis hin zu Jiří Kejř zu den Entschuldigungen von Papst Johannes Paul II. in Prag und den Ergebnissen des internationalen Symposions von Rom mit der gemeinsamen Erklärung von Miloslav Kardinal Vlk und Synodalsenior Smetana am ersten Tag des neuen Jahrtausends. Sie wurde nach den ökumenischen Konferenzen und Bußfeiern des derzeitigen Gedenkjahrs von Papst Franziskus in der Weise aufgenommen, dass er sich nicht nur dem Bedauern seines Vorvorgängers über „den grausamen Tod von Jan Hus“ anschloss, sondern eine Forschung „ohne ideologische Vorurteile“ forderte. Dies werde ein „wichtiger Dienst an der historischen Wahrheit, an allen Christen und an der ganzen Gesellschaft“ sein. Während der böhmische Reformator lange „Streitobjekt“ unter den Christen war, sei er heute zum „Anlass des Dialoges“ und der Verständigung geworden auf einem „Weg der Versöhnung und des Friedens“ (KNA Ökumene aktuell 26 v. 23. 6. 2015).

V. Die aus dem Erbe von Jan Hus entstandenen drei kirchlichen Richtungen, wovon die sog. „utraquistische“ die Akzeptanz des Basler Konzils erlangte, führten von Jan Hus überkommene Anliegen weiter. Ebenso die aus den Reformationen des 16. Jahrhunderts entstandenen Kirchen, deren Gründerväter sich zu ihm bekannten. Aus der in der Abgrenzung von aggressiven Interpretationen des Erbes von Jan Hus bereits Mitte des 15. Jh. entstandenen „Unität“ der „böhmischen Brüder“ ist Johann Amos Comenius (1592-1670) hervorgegangen. In seinem (trotz seiner bitteren Erfahrungen in der böhmischen Gegenreformation) irenischen Lebensweg und in seinem Werk, das im Exil in Polen und in den Niederlanden entstanden ist, sehen wir einen zukunftsweisenden Beitrag zur Lösung der zwischenkirchlichen Differenzen „ohne ideologische Vorurteile“.

VI. Comenius hat sein erst im vergangenen Jahrhundert in vollem Umfange entdecktes und ediertes Hauptwerk konzipiert mitten in der Zeit des konfessionell mitverursachten Dreißigjährigen Krieges, der Europa verwüstete und die christliche Botschaft diskreditierte: De rerum humanarum emendatione Consultatio Catholica. Es enthält die erstmalige Anregung für einen universalen konziliaren Prozess der Christenheit. Eingegangen sind hierin seine lebenslangen Erfahrungen in der Begründung einer pädagogisch-pansophischen Erziehung zur Menschlichkeit und zum Miteinander der Christen in Mitwirkung an dem bekannten Religionsgespräch zu Thorn 1645. Sein Werk will anleiten zu einer methodisch kontrollierten und ergebnisorientierten universalen, und somit (ursprünglich) „katholischen“ Beratung, in der Wissenschaftler und Kirchenleute, Kleriker und Laien, zusammengeführt werden bei einer vorurteilsfreien Suche nach der Wahrheit Gottes für uns gemäß der Hl. Schrift. Aufgrund unserer Einigkeit in den „essentialia“, denen die „ministerialia“ nur dienstbar sind, erfolgt deren Verifizierung im gelebten Leben unbeschadet der Variation jeweiliger „ritualia“. Dieser Ansatz wird heute von führenden Ökumenikern gewürdigt und dem zeitgenössischen Ökumenismus empfohlen.

VII. In diesem Sinne werden die Verantwortlichen in den Kirchen ersucht, den Anlass des Jan-Hus-Gedenkens nicht verstreichen zu lassen, sondern zu weitreichender Aufarbeitung, geschichts- wie gegenwartsbezogen, zu nutzen, um Ergebnisse vorurteilsfreier Forschung zu rezipieren und tradierte Fehlurteile und Fehlverurteilungen zu überwinden. Sie werden ersucht, in Entschiedenheit den „Weg der Versöhnung und des Friedens“ zu betreten und dies durch Selbstkorrekturen und erkennbare Schritte des Miteinanders zu bekräftigen.

Berlin, im Advent 2015 Pfarrer Dr. Manfred Richter, Dipl. Päd.
Mitglied der Deutschen Comenius-Gesellschaft
Milinowskistr. 24, D 14169 Berlin
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