Comenius: De rerum humanarum emendatione consultatio catholica (pars 1)

Komenský, Jan Amos: De rerum humanarum emendatione consultatio catholica (pars 1). Europae lumina, Panegersia, Panaugia. Hg. v. Martin Steiner u.a. Praha: Academia 2014 (Johannis Amos Comenii Opera Omnia / Dílo Jana Amose Komenského 19/I). 381 Seiten, ISBN 978-80-200-2448-0

Die Tschechische (früher: Tschechosloawkische) Akademie der Wissenschaften gibt seit 1969 die „Gesamten Werke“ (Opera Omnia) des Comenius heraus. Nach einer längeren, durch die Umbrüche nach 1989 bedingten Durststrecke hat dieses Projekt nun wieder Fahrt aufgenommen und dabei etwas erreicht, was zwar schon versucht wurde, aber noch nie zuvor gelungen ist. Mit dem ersten von insgesamt sechs Teilbänden beginnt nun nämlich das Hauptwerk des Comenius in einer kritischen Edition zu erscheinen – wozu eine darin anzutreffende Lieblingswendung seines Verfassers, „endlich, endlich, endlich“ (tandem, tandem, tandem), sehr gut passt. Denn das Werk, das von einer „Allgemeinen Beratung über die Verbesserung der menschlichen Angelegenheiten“ handeln und sie initiieren sollte (De rerum humanarum emendatione consultatio catholica [CC]), stand nicht nur jahrhundertelang mehr oder weniger vergessen in der Bibliothek der Franckeschen Stiftungen in Halle. Auch seitdem Dmitrij Tschižewskij sie dort Weihnachten 1934 aufgefunden hat, sind nun schon mehr als 80 Jahre vergangen, und die 1966 in Prag erschienene Ausgabe war zwar sehr verdienstvoll, aber eben nicht kritisch. Daher konnte Ende des 20. Jahrhunderts sogar eine inzwischen erledigte Debatte darüber aufkommen, ob es sich bei der CC tatsächlich um ein Werk des Comenius und nicht vielmehr um eine Fälschung neueren Datums handle. Das Ausbleiben einer kritischen Edition hatte aber insbesondere zur Folge, dass nicht alle Textzeugnisse berücksichtigt wurden, deren Zahl sich zudem seither noch vergrößert hat. Nun wird es bald möglich sein, jenes zwar unvollendete, aber nichtsdestoweniger beeindruckende und für das Verständnis von Comenius und seinem Platz in der Geistesgeschichte maßgebliche Corpus in seiner Gesamtheit anhand eines nach aktuellen wissenschaftlichen Standards vorgelegten Texts zu untersuchen.
Der Teilband beginnt mit einer allgemeinen Einleitung, die hintereinander in drei Sprachen (7-20: Latein, 21-34: Tschechisch, 35-50: Englisch) geboten wird. Diese Einleitung umreißt zuerst im Anschluss an die bahnbrechenden Arbeiten von Jan Patočka und Klaus Schaller den Grundgedanken und die Charakteristik des comenianischen Reformvorhabens: In ihm verbinden sich einerseits das neuplatonischen Schema der abwärts gerichteten Abkehr und einer wieder aufwärts führenden Rückwendung zum Einen und andererseits die heilsgeschichtliche Erwartung, die Angleichung an Christus könne die Folgen des Sündenfalls beheben; eine Erwartung, die Comenius in der chiliastischen Form der Hoffnung auf eine längerfristige innergeschichtliche Heilszeit – in seiner spezifischen Terminologie: eine Zeit des universalen Lichtes – vor dem Weltende pflegt. Diese Hoffnung gilt nicht allein dem Menschen, sondern der ganzen Welt, als deren in Zusammenarbeit mit Gott mitgestaltendes Zentrum Comenius den Menschen versteht. Diese Arbeit kann der Mensch Comenius zufolge aber nur dann sinnvoll leisten, wenn er sie im Dienst an Allem im Hinblick auf das Eine (Gott) verrichtet, also uni-versal. Deshalb richtet die Einleitung zu Recht die Aufmerksamkeit auf diejenigen Teile von CC, die von der (selbst)gestaltenden Aktivität des Menschen handeln: Pampaedia (die „Allerziehung“) und den fünften Grad der Pansophia („Allweisheit“), den Mundus artificialis („Die Welt der Kunstfertigkeit“). Die CC ist also darauf ausgelegt, in die Tat umgesetzt zu werden, und unterscheidet sich darin, wie die Einleitung ausführt, von den klassischen Utopien, die im Bereich des bloß Fiktiven verbleiben.
Im Anschluss daran verfolgt die Einleitung, wie sich die Konzeption der CC bei Comenius selbst entwickelte. Dabei betont sie, gestützt auf die neuesten Forschungen von Manfred Richter, dass die interkonfessionellen Beratungen in Orla und Thorn Mitte der 40er Jahre des 17. Jahrhunderts Comenius maßgebliche Impulse zu dieser Entwicklung gegeben haben, deren Spuren sich insbesondere aus seiner Korrespondenz ablesen lassen und die schließlich zum Entwurf eines siebenteiligen Werks führt, das auf einer triadischen Grundstruktur (Einleitung – fünf Hauptteile – Abschluss) basiert. Ferner skizziert die Einleitung die Ausarbeitung dieses Werkes, die Comenius für den Rest seines Lebens mit in Anspruch nahm, ohne dass er sie vollständig abschließen konnte, wovon unter anderem teils immer noch nicht gedeutete Arbeitsnotizen im hinterlassenen Corpus zeugen. Auch das Scheitern der unmittelbaren Nachlassverwalter des Comenius sowie der von August Hermann Francke Anfang des 18. Jahrhunderts unternommene, Bruchstück gebliebene Publikationsversuch, der immerhin Ausgaben von Panegersia und Panaugia hervorbrachte), werden nachverfolgt, ebenso gelegentliche Notizen und Hinweise, welche in die Latenzzeit der CC bis hin zu ihrer Wiederentdeckung fallen. Ein knapper Blick auf das, was mit der CC seitdem geschah, inklusive einer Auflistung teilweiser und vollständiger Übersetzungen in diverse moderne Sprachen, schließt die Einleitung ab. Dabei wird auch eine tabellarische Aufstellung der einzelnen Teile der CC und der für sie jeweils vorliegenden Textzeugnisse geboten.
Auf die Einleitung folgen die drei ersten, einleitenden Stücke der CC, die jeweils mit einem kritischen Apparat versehen sind und jeweils von einer kurzen lateinischen und englischen Einführung sowie einem lateinischen Kommentar erschlossen werden. Bei diesen Werken handelt es sich zugleich um diejenigen Bestandteile der CC, die Comenius bereits zu seinen Lebzeiten druckfertig ausarbeitete und auch in wenigen Exemplaren drucken ließ: Europae lumina, Panegersia und Panaugia.
Europae lumina („Leuchten Europas“) ist als Vorrede zur CC nach Auskunft der Einleitung der vergleichsweise am wenigsten untersuchten Abschnitt der CC, und dies, obwohl jener Part eine überaus bewegte Textgeschichte aufweist, was sich an dem relativ reichhaltigen kritischen Apparat ablesen lässt. In dieser Vorrede wendet sich Comenius an die führenden Persönlichkeiten der drei Bereiche, auf denen er sein universales Reformvorhaben verwirklichen möchte: Bildung (eruditio in einem weiten Sinne, der auch Philosophie, Wissenschaften und Künste umfasst), Religion und Politik. Diesem Publikum gegenüber erläutert Comenius sein Anliegen, zeigt, wie sich daraus Inhalt und Aufbau der CC ergeben, und plädiert dafür, die Dringlichkeit und Durchführbarkeit des Vorhabens vorurteilsfrei zu prüfen.
Als erster Hauptteil der CC verfolgt die Panegersia (auch excitatorium universale), der „Allgemeine Weckruf“, das Ziel, zu dem Projekt einer allgemeinen Beratung über das Wohlergehen der Menschheit zu motivieren, und zwar, wie die einleitende Übersicht darlegt, zuerst den Urheber selbst, sodann andere Menschen und schließlich sogar Gott, wobei das Hauptgewicht zumindest von der Verteilung der Textmasse her auf dem zweiten Punkt liegt. Im Zuge seiner Ausführungen erklärt Comenius, warum er sich ausgerechnet den genannten drei Bereichen zuwendet. Er leitet sie gleichsam, mit Scheler gesprochen, aus der Stellung des Menschen im Kosmos ab. Diese Stellung wird für Comenius durch eine dreifache Beziehung charakterisiert, die den Menschen prägt: In der Bildung bezieht sich der Mensch auf die „Dinge“ (res) als auf dasjenige, was ontologisch unterhalb von ihm angesiedelt ist; die Religion besteht in der Beziehung des Menschen zu der ihm übergeordneten Gottheit; und die Politik befasst sich mit der Beziehung der Menschen untereinander als jeweils gleichwertigen Wesen. In dieser dreifachen Bezogenheit des Menschen sieht Comenius zugleich eben die „menschlichen Dinge“, die geschichtlich in Verwirrung geraten sind und die es auf eine noch nie gekannte, unüberbietbare Weise neu zu ordnen gilt. Der Gedankengang führt dabei von der im Jahrhundert des Dreißigjährigen Krieges mühelos durch Erfahrung unterfütterten Reflexion intensiven Leids über die These, dass an der Behebung dieses Leids immer schon gearbeitet worden ist, zu der Aufforderung, diese Arbeit nun an ein erfolgreiches Ende zu bringen, und zwar eben durch die Umgangsform der Beratung, der ihr Ziel, wechselseitige friedliche Ergänzung, bereits eingeschrieben ist.
Die Menschheit zu diesem Ziel führen kann Comenius zufolge nur eine allgemein verbreitete und akzeptierte Einsicht in jene relationale Grundstruktur. Diese Einsicht bzw. Weisheit bezeichnet er auch, sich ehrwürdigen Traditionen der Lichtmetaphysik anschließend, als universales geistiges Licht. Dies ist für Comenius viel mehr als eine schöne Metapher; er sieht in ihr den erkenntnisleitenden Ausdruck eines umfassenden Parallelismus zwischen verschiedenen Wirklichkeitsebenen, der es gestattet, von den bekannten Gesetzen des physischen Lichtes (der Optik) auf die Gesetzmäßigkeiten des geistigen Lichtes zu schließen und so zu erfassen, wie sich das geistige Licht über die Menschheitsgeschichte hinweg graduell ausbreitet und schließlich eben dadurch ein Maximum erreichen kann, dass seine einmal erkannten Gesetze konsequent angewandt werden. Dies ist das Thema des zweiten hier edierten Hauptteils der CC, der Panaugia bzw. „Allerleuchtung“, deren „Notwendigkeit, Möglichkeit und Machbarkeit“ Comenius bereits in der einleitenden Kapitelübersicht als Teilthemen benennt.
Abbildungen der Originaltexte, ein differenziertes Abkürzungsverzeichnis, das unter anderem auch als Literaturliste dient, sowie ein Verzeichnis der Namen und ein Verzeichnis der erwähnten Werke des Comenius beschließen den Teilband. Jeweils an die einzelnen Texte angegliedert sind überaus hilfreichen Kommentare. Sie weisen explizite und implizite Quellen nach, erläutern besondere Begriffe und ziehen Querverweise innerhalb des Werkes von Comenius.
Der vorliegende Teilband hat überragenden Wert nicht nur für die Comeniusforschung, sondern auch für die Erkundung der frühneuzeitlichen Philosophie- und Geistesgeschichte überhaupt. Mehr noch: Auch die Frage nach der Aktualität des Comenius stellt sich auf eine neue Weise. Wie nämlich die allgemeine Einleitung zu Recht bemerkt, fordert CC dazu heraus, ihre Inhalte interdisziplinär auch im Hinblick auf die Krisen der Gegenwart zu erschließen.
Uwe Voigt