24 Mrz

Rixdorfer Religionsgesprch am 24. Mrz 2007

Zu einem ersten Rixdorfer Religionsgesprch am 24. Mrz 2007 hatte die Deutsche Comenius-Gesellschaft in Kooperation mit der Evangelischen Brdergemeine Berlin und dem Frderkreis Bhisches Dorf in den Groen Saal der Brdergemeine in Berlin-Neuklln eingeladen.
Anlass war die Erinnerung an
550 Jahre Bhmische Brder
550 Jahre Gewissensfreiheit
ein Erbe seit 1737 in Berlin-Neuklln

Dementsprechend lautete das Thema dieses ersten Rixdorfer Religionsgesprchs:
Gewissensfreiheit in Religion und Gesellschaft
Die Impulsreferate hielten
Frau Prof. Dr. Gertrude Lbbe-Wolff, Richterin des Bundesverfassungsgerichts
Frau Dr. Elisabeth von Thadden, Redakteurin des Wochenblatts DIE ZEIT

Im Folgenden geben wir 1. den Text der Begrung durch den Vorsitzenden der Deutschen Comenius-Gesellschaft, Prof. Andreas Fritsch, und 2. den Bericht des Bischofs der Brdergemeine Theodor Clemens (im Herrnhuter Bote 5/2007, S. 17) wieder.

 

1. Begrung durch den Vorsitzenden der DCG, Prof. Andreas Fritsch

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Freunde,
im Namen der Deutschen Comenius-Gesellschaft mchte ich Sie alle sehr herzlich begren zu diesem Rixdorfer Religionsgesprch ber Gewissensfreiheit in Religion und Gesellschaft. Ich danke Ihnen, dass Sie unsere Einladung angenommen haben, und hoffe, dass von diesem Gesprchskreis, so klein er zunchst auch erscheinen mag, Anregungen fr ein neu durchdachtes Miteinander von Religionen, Konfessionen und Weltanschauungen ausgehen, die dann auch in den privaten, beruflichen und politischen Alltag hineinwirken.
Zwei Punkte will ich in meiner kurzen Begrung ansprechen:
1. Was hat die Deutsche Comenius-Gesellschaft mit dem Thema unserer Veranstaltung zu tun? und
2. Wem haben wir diese Veranstaltung zu verdanken?

Lassen Sie mich mit Punkt 2 beginnen.Als Begleitpapier zu unserer Einladung haben wir eine Projektskizze verschickt, worin das Wichtigste bereits gesagt ist. Den Ansto gab uns das Gedenkjahr anlsslich der Grndung der evangelischen Glaubensgemeinschaft der Bhmischen Brder vor 550 Jahren (i. J. 1457), deren Tradition mehrfach erneuert wurde und bis heute auch gerade hier in Berlin-Neuklln in Bhmisch-Rixdorf fortlebt. So haben wir zunchst der Evangelischen Brdergemeine und Herrn Bischof Clemens zu danken, dass sie uns konkret und metaphorisch verstanden den Raum fr diese Veranstaltung zur Verfgung gestellt haben. Sodann danke ich dem Frderkreis Bhmisches Dorf und seinem Vorsitzenden Herrn Manfred Motel, der unsere Gesellschaft immer nach Krften untersttzt. In Kooperation mit diesen beiden Institutionen, der Brdergemeine und dem Frderkreis, haben wir diese Veranstaltung geplant. Der eigentliche Motor aber ist der Leiter des Comenius-Gartens, Herr Henning Vierck, der als Mitglied des Vorstands der Comenius-Gesellschaft die vorbereitenden Gesprche mit allen Beteiligten gefhrt und zusammen mit Frau Katrin Stckrath die organisatorischen und praktischen Vorbereitungen getroffen hat und die heutige Veranstaltung moderieren wird.
Ich freue mich sehr und danke auch sehr herzlich, dass unser Ehrenvorsitzender, Herr Dr. Dr. honoris causa Werner Korthaase, trotz erheblicher gesundheitlicher Beschwerden wenigstens zum Auftakt dieser Veranstaltung erscheinen konnte. Lieber Werner, wir danken Dir auch an dieser Stelle wieder fr all die Mhe und Arbeit, die Du in den Jahren seit der Grndung der neuen Comenius-Gesellschaft vor 15 Jahren dem noch lange nicht ausgeschpften Erbe des Comenius gewidmet hast.
Mein Gru und mein herzlicher Dank fr Ihre Teilnahme gilt natrlich auch den Vertretern des ffentlichen Lebens, dem Bezirksbrgermeister von Berlin-Neuklln, Herrn HeinzBuschkowsky, der Vertreterin des Regierenden Brgermeisters und des Senats von Berlin, Frau Behring, und dem Reprsentanten der Tschechischen Republik, Herrn Botschaftsrat Jan Sechta, sowie den Vertretern der Kirchen und Religionsgemeinschaften, der Presse und anderer Institutionen und Verbnde.
Vor allem aber habe ich jetzt den beiden hochkartigen Expertinnen ganz herzlich zu danken, dass sie sich die Zeit genommen haben und sich der Mhe unterziehen werden, uns durch zwei kurze Impulsreferate in die ziemlich komplexe Thematik Gewissensfreiheit in Religion und Gesellschaft einzufhren.
Wir haben beide Referentinnen in unserer Einladung bereits kurz vorgestellt, so kann ich mich jetzt auf ganz weniges beschrnken:
Frau Prof. Dr. Gertrude Lbbe-Wolff ist seit 1992 Professorin fr ffentliches Recht an der Universitt Bielefeld und seit 2002 Richterin am zweiten Senat des Bundesverfassungsgerichts. Sie ist, wie man im Internet leicht feststellen kann, durch zahlreiche rechtswissenschaftliche Publikationen ausgewiesen und nun auch von Amts wegen mit Kernfragen unseres Grundgesetzes und seiner Auslegung befasst. Man denke nur an Artikel 4 zur Glaubens- und Gewissensfreiheit.
Frau Dr. Elisabeth von Thadden, vom Studium her Literaturwissenschaftlerin, wird vielen sicher vor allem als Journalistin bekannt sein, z.B. als Kolumnistin der Berliner Zeitung und als Redakteurin des Wochenblattes DIE ZEIT, oder auch als Autorin des Buches Familire Grnde aus dem Jahr 2000. Wir haben sie eingeladen, weil sie auf der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland im Jahr 2005 das Referat zur Einfhrung in das Schwerpunktthema Tolerant aus Glauben gehalten hat; der genaue Titel hie Glaubensfestigkeit und Toleranz Christsein in einer Situation religiser, weltanschaulicher und kultureller Vielfalt.
Herzlichen Dank also Ihnen, Frau Prof. Lbbe-Wolff und Frau Dr. von Thadden, fr Ihre Bereitschaft, heute zu uns zu sprechen und mit uns zu diskutieren.

Nun noch zum 1. Punkt:Was hat die Comenius-Gesellschaft mit dieser Thematik zu tun? Die Comenius-Gesellschaft hat sich laut Satzung zum Ziel gesetzt, das geistige Erbe des Johann Amos Comenius durch die Erforschung seiner Werke zu erhalten und die wissenschaftliche Auseinandersetzung damit zu frdern (Satzung 2).
Jeder, der sich einmal mit Leben, Werk und Wirkung des Jan Amos Komensk beschftigt hat, wei, dass er in den schweren Zeiten des Dreiigjhrigen Krieges gelebt hat und unter dessen Begleiterscheinungen und Folgen schwer zu leiden hatte. Er war nicht nur der bedeutendste Pdagoge seiner Zeit und vielleicht aller Zeiten, sondern er war in erster Linie Theologe, Senior und Bischof der Bhmischen Brder. Als solcher war er auch nach dem Westflischen Frieden (1648) der Verfolgung aus religisen Grnden ausgesetzt, er genoss keine Glaubens- und Gewissensfreiheit in seiner Heimat, er verbrachte mehr als die Hlfte seines Lebens im Exil und starb 1670 als Asylant in Amsterdam. Durch seine Lebensumstnde wurde er auch Philosoph und politischer Denker und Berater. Die DCG hat im Jahr 2005 einen fast 1000 Seiten umfassenden internationalen Band zum ThemaComenius und der Weltfriede Comenius and World Peace herausgegeben, der auf eine Konferenz von 2001 (kurz nach den Terroranschlgen in New York) zurckgeht, in dem Comenius auch als Vorlufer der UNO gewrdigt wird. Dazu gehren seine Bemhungen um ein friedliches Miteinander der verfeindeten Konfessionen und politischen Mchte; ich erwhne exemplarisch nur seine Teilnahme am Religionsgesprch 1645 in Thorn und seine Schrift Angelus Pacis zu den englisch-niederlndischen Friedensverhandlungen in Breda 1667.
Seine Bedeutung auf politischem Gebiet geht ber sein Eintreten fr die politische und religise Freiheit seiner Heimat Bhmen und Mhren weit hinaus: Besonders in seinen Sptschriften nahm … [er] Entwicklungen vorweg, die zum einen erst im 20. Jahrhundert konkrete Gestalt annahmen, zum andern aber bis heute noch auf ihre Einlsung warten. Comenius wurde zu einem Verfechter und Vordenker
– einer weltweiten Vereinigung der Nationen,
– der Inkraftsetzung von allgemeinen Menschenrechen,
– einer gerechten Weltwirtschaftsordnung,
– der Beendigung von Kriegen und der Anwendung des Prinzips der Gewaltlosigkeit
– und schlielich einer politisch geeinten Menschheit.
(Zitat in Anlehnung an das Inserat fr das Buch Comenius der Politiker [2004] in: Comenius der Pdagoge [2004], S. 209.)
Ich will Comenius heute, am 50. Jahrestag der Rmischen Vertrge, nicht zum Mitbegrnder der Europischen Union hochstilisieren; aber die friedliche Einigung Europas liegt durchaus in seinem Sinne, zumal wenn wir an die Lnder denken, in denen er gelebt und gewirkt hat und die jetzt alle zur EU gehren: Tschechien, Deutschland, Niederlande, Grobritannien, Schweden, Polen und Ungarn.
Dieses Vermchtnis, niedergelegt in seinen ber 200 Schriften, insbesondere aber in seinem erst dreihundert Jahre nach seinem Tod vollstndig verffentlichten Beratungswerk (De rerum humanarum emendatione Consultatio catholica, Prag 1966) ermutigt uns bis heute, uns nicht nur historisch-philologisch mit seinen Werken zu befassen, sondern auch aktuelle Fragen menschlichen Zusammenlebens in seinem Geist aufzugreifen und zu errtern. Ich danke Ihnen fr Ihre Aufmerksamkeit und bitte nun Herrn Bischof Clemens um sein Wort.

 

2. Bericht von Bischof Theodor Clemens ber das Rixdorfer Religionsgesprch

Mehr als 100 Zuhrer kamen zum ersten Rixdorfer Rellgionsgesprch ber Gewissensfreiheit in Religion und Gesellschaft am Sonnabend, dem 24. Mrz in unseren Kirchensaal.

Die beiden Referentinnen, Frau Prof. Dr. Lbbe-Wolff, Richterin am Bundesverfassungsgericht, und Frau Dr. von Thadden, fhrten aus unterschiedlichen Positionen sehr interessant und engagiert in die Thematik ein. Dabei ging es auch um die Frage, wie viel Spielraum der skulare Staat, als Garant der Religionsfreiheit den Religionen lsst und wo die Grenzen ihrer Freiheiten liegen. Im Hintergrund stand das scharf kritisierte Urteil einer Richterin, die Gewalt in der Ehe toleriert hatte.

Prof. Fritsch, der Vorsitzende der Deutschen Comei,ius-Gesellschaft, begrte die Gste und fhrte in die Thernatik ein, in dem er an Comenius erinnerte. Gruworte hielten Jan Sechta, Gesandter Botschaftsrat der tschechischen Botschaft, der Bezirksbrgermeister Heinz Buschkowsky. Br. Motel als Vertreter des Frderkreises Bhmisches Dorf sprach von einer Allianz des Guten, die wir in Neuklln versuchen zu gestalten. Br. Clemens ging von der Grndung der Brder-Unitt vor 550 Jahren aus und beschrieb, wie wichtig den Geschwistern im 16. Jahrhundert das Ringen um Glaubens- und Gewissensfreiheit in einem Gottesstaat war. Sie wollten Gott mehr gehorchen als Menschen, und dieser Glaube brachte sie in Konflikt mit den Herrschenden in Staat und Kirche, denen sie oft in Personalunion begegneten.

Frau Behring, die Beauftragte des Senats fr die Kirchen und Religionsgemeinschaften, verlas einen Brief des Regierenden Brgermeisteis Klaus Wowereit. Er schreibt unter anderem: Neuklln ist nicht erst seit dem Zuzug vieler Muslime aus der Trkei und dem arabischen Raum ein Einwanderungsbezirk. Im Hinblick auf die Gestaltung der Zukunft geht es aber vor allem darum, Konflikte zu zivilisieren, miteinander zu sprechen statt bereinander und die Chancen der Vielfalt zu entdecken. Das interreligise Gesprch kann ein Wegbereiter fr ein neues Miteinander sein. Es gibt in Berlin und besonders auch in Neuklln eine groe Tradition des kumenischen Gesprchs zwischen den verschiedenen christlichen Glaubensgemeinschaften. In keinem dieser interreligisen Gesprche geht es um die Aufgabe des eigenen Glaubens, sondern darum, neben dem Trennenden auch das Gemeinsame und das Gute im anderen zu erkennen. Er wnscht, dass eine Kultur des Gesprchs aller drei abrahamitischen Religionen in Berlin geschaffen werden kann und wnscht in diesem Sinn ein gutes Religionsgesprch.

Leider war die Zeit fr das anschlieende Gesprch viel zu kurz und manche Frage blieb unausgesprochen und offen. Bei einem kleinen Imbiss konnte das Gesprch jedoch in kleinen Gruppen noch lnger fortgesetzt werden.

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